Dr. Google, Dr. ChatGPT und die Realität in der Praxis
Warum die Internetrecherche keine ärztliche Beratung ersetzt
Kurzfassung für Schnellleser:
Immer mehr Menschen bitten Google und ChatGPT um medizinischen Rat. Für eine erste Orientierung durchaus sinnvoll. Eine ärztliche Beratung ersetzen digitale Systeme nicht! Sie sammeln vorhandene Informationen aus dem Netz und fassen diese zusammen. Eine medizinische Bewertung der individuellen Situation können sie nicht ansatzweise leisten.
In der Praxis anrufen? Oder doch schnell die KI fragen?
Eine Szene aus der Praxis, die gar nicht so selten vorkommt:
Ein Patient erhält eine PRP-Behandlung. Zum Beispiel zur Therapie bei Haarausfall. Nach der Behandlung sprechen wir über das Verhalten und mögliche Medikamente bei Schmerzen oder Schwellungen. Unter bestimmten Voraussetzungen kann vorübergehend ein entzündungshemmendes Schmerzmittel sinnvoll sein.
Am nächsten Tag schreibt uns der Patient eine Nachricht:
ChatGPT habe gesagt, das Medikament sei nach einer PRP-Behandlung nicht geeignet oder gibt eine andere Reihenfolge (Sculptra/Morpheus8) oder Kombination vor. Er sei nun unsicher.
Situationen wie diese begegnen uns und ärztlichen Kollegen immer öfter. Patienten vergleichen medizinische Empfehlungen aus der Praxis mit Antworten aus Suchmaschinen oder KI-Systemen. Das ist nachvollziehbar, schließlich ist die medizinische Information heute nur einen Klick weit entfernt.
Der Haken: Die Situation ist weitaus komplexer, als es auf den ersten Blick (oder Klick) den Anschein hat.
Was Google und ChatGPT tatsächlich können:
Digitale Systeme können enorme Mengen an Informationen in kürzester Zeit durchsuchen und zusammenfassen. Das ist ihre Stärke.
Wer schnell herausfinden möchte,
- was PRP grundsätzlich ist
- wie eine Behandlung im Allgemeinen abläuft
- welche Nebenwirkungen häufig sind
- welche Wirkstoffe entzündungshemmend wirken
bekommt innerhalb weniger Sekunden eine verständliche Übersicht.
“Dr. ChatGPT” funktioniert dabei im Kern wie ein sehr schneller “Zusammenfasser”: Das System greift auf Informationen zurück, die im Internet verfügbar sind, kombiniert diese und formuliert daraus eine Antwort. Für allgemeines medizinisches Hintergrundwissen oder für den Einstieg in ein Thema, zum Beispiel vor einem Arzttermin, absolut sinnvoll.
Was die KI nicht kann:
Medizin ist komplex und immer individuell. Zusammenhänge, praktische Erfahrung und vieles mehr spielen eine Rolle. Aspekte, die auch die beste KI-gesteuerte Beratung weder leisten noch ersetzen kann.
Suchmaschinen (auch KI-Systeme) sehen nicht:
- den konkreten Patienten
- seine Vorerkrankungen und seine aktuelle Verfassung
- den Verlauf einer Behandlung
- die individuelle Heilungsreaktion
- kurz: den tatsächlichen Befund
Warum hier kein Algorithmus greift: Medizin besteht praktisch nie aus einer einzigen konkreten Antwort. Praktisch immer geht es darum, mehrere Faktoren gleichzeitig zu bewerten.
Ein Medikament wie ein gängiger Entzündungshemmer ist ein gutes Beispiel. In manchen Situationen wird davon abgeraten, weil es bestimmte regenerative Prozesse beeinflussen kann. In anderen Situationen kann es hilfreich sein, z. B. wenn eine entzündungshemmende oder abschwellende Wirkung gewünscht ist oder Schmerzen (und mit diesen kontraproduktive Verspannungen) reduziert werden sollen.
Sie sehen, die Entscheidung hängt davon ab: In welcher Situation, bei welchem konkreten Patienten und nach welcher Behandlung?
Internetwissen ist eben doch kein Medizinstudium
Ein Medizinstudium und die ärztliche Praxis bestehen nicht nur aus Faktenwissen. Entscheidend ist das Einordnen von Informationen im Zusammenhang.
Ein Arzt bewertet Symptome, Gewebe, Vorgeschichte, Medikamente, Verlauf und persönliche Voraussetzungen parallel. Diese beeinflussen sich gegenseitig und müssen in einen komplexen Zusammenhang gebracht werden.
Digitale Systeme greifen auf vorhandene Texte im Internet zurück und erzeugen daraus eine gestraffte Antwort. Das Ergebnis wirkt überzeugend, weil es gut formuliert ist. Es bleibt jedoch eine Kombination aus vorhandenen Inhalten – und keine medizinische Diagnose.
Ein weiteres Problem: Inhalte im Netz verändern sich
Ein Aspekt wird oft unterschätzt: Ein großer Teil der Gesundheitsinformationen im Internet ist heute selbst KI-generiert.
Viele Webseiten entstehen automatisiert, werden kaum redaktionell oder ärztlich geprüft und ähneln sich stark. Texte wiederholen dieselben Aussagen in leicht veränderter Form.
Suchmaschinen und KI-Systeme greifen wiederum auf genau diese Inhalte zurück. Dadurch entsteht ein Kreislauf aus ähnlichen, teilweise oberflächlichen und im schlechtesten Fall auch falschen Informationen.
Ohne individuelle Beratung geht es nicht
Medizinische Entscheidungen sind das Resultat aus Fachwissen, Erfahrung, Untersuchung und persönlicher Bewertung.
Sehen wir uns die ästhetischen Medizin an, dann spielen Faktoren wie diese eine Rolle:
- der IST-Zustand der Haut
- die allgemeine Hautqualität
- Gewebeverhalten und Elastizität
- individuelle Wundheilung und Narbenbildung
- die Hautreaktion auf die Kombination verschiedener Behandlungen
Die Liste lässt sich deutlich erweitern und ist auch von Region zu Region und von Patient zu Patient unterschiedlich.
Unser Rat an unsere Patienten
Wir verstehen das Bedürfnis nach einer schnellen Recherche. Wer sich informiert, trifft meistens auch bewusstere Entscheidungen.
Unsere Empfehlung lautet dennoch: Recherchieren Sie gerne, aber betrachten Sie die Ergebnisse nur als erste Orientierung.
Greifen Sie bei weiteren Fragen oder konkreten Fragen zum Telefon und rufen Sie uns in der Praxis an. Eine kurze Rückfrage klärt oft mehr als zehn Internetseiten.